2021 Januar 2021 Februar 2021 Kunst ~ Arte Berlin

Juán Uslé. Línea Dolca 2008-2018. Irrefrenable in der Galerie Thomas Schulte

Galerie Thomas Schulte. Charlottenstr. 24, 10117 Berlin. 16.01.-27.02.2021

Juan Uslés vierte Einzelausstellung in der Galerie Thomas Schulte mit dem Titel Línea Dolca 2008-2018, Irrefrenable [dt. Dolca-Linie 2008-2018, Unzähmbar] besteht aus einer umfangreichen Sammlung von Fotos und kleinformatigen Malereien, die innerhalb von zehn Jahren entstanden sind. Die Ausstellung wurde konzipiert und kuratiert von Mira Bernabeu. Die insgesamt 182 Fotos stammen aus Uslés großem persönlichen Bildarchiv. Aus intimen, engen Blickwinkeln heraus zeigen sie subtile, oft sehr abstrakte Details aus den Begegnungen und Umgebungen des Künstlers.

© Stefan Haehnel


Obwohl Juan Uslés primäres Medium die Malerei ist, ist seine Kamera seit langem sein engster Mitarbeiter. Die beiden Medien existieren in seiner künstlerischen Praxis nicht nur nebeneinander, sondern sind sich ergänzende Methoden, die manchmal sogar innerhalb eines einzigen Bildes aufeinandertreffen. So zum Beispiel in dem Foto Tatuaje y Prueba, NY (2018) [dt. Tattoo und Test, NY], das uns im Vordergrund die mit Farbe verschmierte Handfläche des Künstlers zeigt. Ein bisschen unscharf schwebt sie vor einer Reihe von rhythmischen schwarzen Linien, einer Zeichnung von Uslé. An anderer Stelle zeigen eng beschnittene Bilder Ecken und Winkel von Uslés Atelier sowie Objekte und Materialien, die ihn dort umgeben und die er für sein Arbeiten benötigt. In wieder anderen Fotos sehen wir als Detailansichten oder als Hintergründe dunkle, großformatige Gemälde aus Uslés Serie Soñé que revelabas [dt. Ich träumte, dass du offenbartest]. In dieser besonders intimen Malereiserie manifestiert sich eine tiefe körperliche Verbindung: Die Reihen sich wiederholender, kurzer Pinselstriche folgen dem Herzschlag Uslés und verleihen den Bildern eine zeitliche Dimension – machen sie zu zeitbasierten Medien. Eine Leiter oder ein Stuhl oder eine Person steht vor der Leinwand: ein Kunstgriff, der sie im Raum oder sogar als Raum verortet und eine weitere zeitliche Ebene hinzufügt.


Selbst wenn keine Körper sichtbar präsent sind, haben die Fotografien unausweichlich etwas Körperliches – ein Gefühl, das durch die Intimität ihrer geringen Größe noch verstärkt wird. Schließlich ist es Uslés Körper der den Rahmen vorgibt, denn es sind die Orte, die er bereist und durchquert hat, an denen er vorbeigegangen ist, die er bewohnt hat. Es sind die Ecken, die Kanten, die Details, die sein Auge entdeckt und aus ihren Umgebungen herausgelöst hat.

Die Nähe zum Objekt, die starke Vergrößerung von Details und die dadurch bedingte Abstraktion in den Fotos komprimiert sie häufig zu stark strukturierten Mustern, welche die körperhafte Wirkung verstärken. Eine Treppe wird zu einer Abfolge von flachen horizontalen Linien. Die Unterkante eines Vorhangs verändert die Perspektive und verläuft parallel zum Parkettboden, über dem er hängt. Der Schatten vom Mast eines Verkehrszeichens verschmilzt mit dem Mast selbst zu einer durchgehenden vertikalen Linie.


In A Todo El Mundo, Valencia (2018) [dt. An die ganze Welt, Valencia] steht eine mit Aufklebern versehene Stange vor dem monochromen Hintergrund einer Gebäudefassade. Auch dieses Foto ist Teil eines Triptychons, das aus zwei vertikalen Fotografien und einem horizontalen Gemälde in der Mitte besteht. Das zweite Foto mit dem Titel Pliegues y Espera, London (2018) [dt. Falten und Warten, London] zeigt eine Reihe bunter vertikaler Streifen, die zu einem Faltenrock zu gehören scheinen, der unter einer Jacke und vor einer Holztür hängt. Die Malerei, die die beiden Fotografien miteinander verbindet, Horizontal Courbet, Benissa (2018), wird von einer breiten Linie aus Blau- und Grünschattierungen dominiert, deren Schichten abgetragen erscheinen, und die sich quer von Kante zu Kante über den einfarbig braunen Hintergrund zieht. In allen drei Bildern stimmt ihre jeweilige Ausrichtung mit der Bewegung der Linien – den zentralen Protagonisten der Werke – überein. Obwohl sich Ähnlichkeiten in Farben und Formen im gesamten Triptychon finden, ist es vor allem dieser Rhythmus, der die Bilder zusammenhält – die rhythmische Bewegung, die sie gemeinsam ergeben.


In einer zweiteiligen Arbeit mit dem Titel Saja’s Laberint, NY, 2016 – Destello (Presa), Benissa, 2018 (2016/2018) [dt. Sajas Labyrinth, NY, 2016 – Schimmer (Beute), Benissa, 2018] zeigt das Foto, das über der Malerei hängt, ein Geflecht von fluoreszierenden Plastikfäden vor einer schwarzen Lederoberfläche, die an ein Sitzkissen erinnert. Die rötlich-rosa und gelb-grünen Fäden kontrastieren stark mit dem dunklen Hintergrund, der zwischen schattigem Abgrund und glänzender, reflektierender Oberfläche oszilliert – wie ein elektrisches Gewitter, das einen dunklen Himmel stellenweise erhellt. Der schwarze Hintergrund des Fotos geht in das darunter montierte Gemälde über, in dem eine Folge von durchscheinenden hellblauen Pinselstrichen vom unteren Rand der Leinwand aufsteigt und auf etwa zwei Dritteln der Höhe stehen bleibt. Die Pinselstriche schwanken und variieren leicht, sie fransen an den Rändern aus, wiederholen sich und sind rhythmisch, und doch verschieben sie sich: sie erinnern an Wellen oder an eine Strömung, die abrupt zum Stillstand kommt.

In diesen mehrteiligen Arbeiten, in denen Fotografie und Malerei übereinander und nebeneinander hängen, kommt es zu einem verzerrenden Spiegeleffekt: Linien werden invertiert, Farbspuren verschoben, Formen lösen sich auf – wie eine Skyline, die sich in einer sich kräuselnden Wasseroberfläche spiegelt. Eine ähnliche Beziehung entsteht in Tres Mirando, NY (2018) [dt. Drei, die schauen, NY], in der wir im Vordergrund auf den lockigen Hinterkopf einer Person schauen, während wir dahinter unscharf ein Gemälde sehen, das an der Wand hängt. Ein Gesicht blickt aus dem Gemälde zurück und trifft, so stellen wir uns vor, den Blick der Person, die vor ihm steht. Der Kopf im Gemälde und die Person davor stehen sich im Foto gegenüber und erzeugen einen Effekt, der einer Mise en abyme ähnelt, indem wir, als externer Betrachter, als eine weitere Reflexion, eine weitere Wiederholung und als Echo positionieren werden.


In diesen Schichtungen und Wiederholungen öffnet sich der Raum und dehnt sich aus. Unter der Opazität der Bilder liegen verborgene Tiefen. In einer Reihe von Uslés Fotos wird dieser Effekt durch lichtdurchlässige Oberflächen visualisiert – Textilien, Glas, Zäune, Jalousien. Covered, NY (2018) [dt. Bedeckt, NY] zeigt eine von einem halbtransparenten Sicherheitsnetz eingehüllte Gebäudefassade aus seitlichem Winkel. Das geometrische Muster der Fenster, die zarten vertikalen Linien des Netzes, die Ambiguität der verschleierten Erscheinung des Gebäudes erzeugen eine haptische Qualität, die der seiner Gemälde ähnelt. Die Beziehung, die zwischen den beiden Medien besteht, wird greifbar, auch wenn dies nicht bedeutet, dass das eine als Übersetzung des anderen gedacht ist. Die Fotografien – ob als einzelne Momente oder als wandelbares Ganzes – artikulieren Eigenheiten, Oberflächeneigenschaften, Lichtveränderungen, zufällige Begegnungen zwischen Formen, kurz: die vielfältigen Räume, die sich vor Uslés Auge entfalten. In seiner Malerei erscheinen Texturen und Farben aus diesen Momenten herausdestilliert – eher als Essenzen denn als direkte Entsprechungen – und verstärken so ihren unwirklichen Charakter. In der Gesamtschau fordern die Arbeiten zur genauen Betrachtung auf und zu einer Neuorientierung. Sie veranschaulichen Uslés langjährige Beschäftigung mit der Erkundung seiner unmittelbaren Umgebung durch die Linse der Kamera und die abstrakte malerische Sprache, die im Dialog mit ihr entsteht.


—Text von Julianne Cordray

Weitere Informationen hier

Juán Uslé. Línea Dolca 2008-2018. Irrefrenable.

La cuarta exposición individual de Juan Uslé en la Galerie Thomas Schulte, titulada Línea Dolca 2008-2018, Irrefrenable, consiste en una extensa colección de fotografías y pinturas de pequeño formato creadas a lo largo de un período de diez años. La exposición fue concebida y comisariada por Mira Bernabeu. Las 182 fotografías en total provienen del gran archivo de imágenes personales de Uslé. Desde perspectivas íntimas y estrechas, muestran detalles sutiles, a menudo muy abstractos de los encuentros y entornos del artista.

Aunque el medio principal de Juan Uslé es la pintura, su cámara es desde hace mucho tiempo su colaborador más cercano. Los dos medios no sólo coexisten en su práctica artística, sino que son métodos complementarios que a veces incluso chocan dentro de una misma imagen. Este es el caso, por ejemplo, de la fotografía “Tatuaje y Prueba”, NY (2018) , que nos muestra la palma de la mano del artista untada de pintura en el primer plano. Un poco desenfocado, se cierne ante una serie de líneas negras rítmicas, un dibujo de Uslé. En otros lugares, las imágenes bien recortadas muestran rincones del estudio de Uslé, así como los objetos y materiales que lo rodean y que necesita para hacer su trabajo. En otras fotografías, vemos como vistas de detalles o como fondos oscuros, pinturas a gran escala de la serie de Uslé “Soñé que revelabas”. En esta serie de pinturas particularmente íntima se manifiesta una profunda conexión física: las filas de pinceladas cortas y repetitivas siguen el latido del corazón de Uslé, dando a las pinturas una dimensión temporal, convirtiéndolas en medios basados en el tiempo. Una escalera o una silla o una persona se para frente al lienzo: un artificio que lo ubica en el espacio o incluso como espacio, añadiendo otra capa temporal.

Incluso cuando no hay cuerpos visibles, las fotografías tienen inevitablemente algo corpóreo en ellas, una sensación reforzada por la intimidad de su pequeño tamaño. En última instancia, es el cuerpo de Uslé el que proporciona el marco, ya que son los lugares que ha viajado y atravesado, pasado, habitado. Son las esquinas, los bordes, los detalles que su ojo ha descubierto y separado de sus entornos.

La proximidad al objeto, la fuerte ampliación de los detalles y la consiguiente abstracción en las fotografías a menudo las comprime en patrones muy estructurados que refuerzan su efecto corpóreo. Una escalera se convierte en una secuencia de líneas horizontales planas. El borde inferior de una cortina cambia de perspectiva y corre paralelo al suelo de parqué sobre el que cuelga. La sombra del poste de una señal de tráfico se fusiona con el propio poste para formar una línea vertical continua.

En “A Todo El Mundo”, Valencia (2018), un poste cubierto de pegatinas se levanta sobre el fondo monocromo de la fachada de un edificio. Esta fotografía también es parte de un tríptico consistente en dos fotografías verticales y una pintura horizontal en el medio. La segunda fotografía, titulada “Pliegues y Espera”, Londres (2018), muestra una serie de coloridas rayas verticales que parecen pertenecer a una falda plisada que cuelga bajo una chaqueta y frente a una puerta de madera. La pintura que conecta las dos fotografías, “Horizontal Courbet”, Benissa (2018), está dominada por una amplia línea de tonos azules y verdes, cuyas capas parecen desgastadas, que atraviesa el fondo marrón liso de un extremo a otro. En las tres pinturas, sus respectivas orientaciones coinciden con el movimiento de las líneas – los protagonistas centrales de las obras. Aunque se pueden encontrar similitudes en el color y la forma a lo largo del tríptico, es principalmente este ritmo el que mantiene las pinturas juntas, el movimiento rítmico que producen colectivamente.

En una obra en dos partes titulada “Saja’s Laberint”, NY, 2016 – Destello (Presa), Benissa, 2018 (2016/2018), la fotografía que cuelga sobre el cuadro muestra una malla de hilos de plástico fluorescente contra una superficie de cuero negro que recuerda a un cojín de asiento. Los hilos rojizos-rosados y amarillos-verdes contrastan fuertemente con el fondo oscuro, que oscila entre el abismo sombrío y la superficie brillante, como una tormenta eléctrica que ilumina un cielo oscuro en algunos lugares. El fondo negro de la fotografía se funde con la pintura montada debajo, en la que una sucesión de pinceladas azul claro translúcido se eleva desde el fondo del lienzo y se detiene a unos dos tercios del camino hacia arriba. Las pinceladas oscilan y varían ligeramente, se deshilachan en los bordes, son repetitivas y rítmicas, y sin embargo se desplazan: recuerdan a las olas o a una corriente que se detiene bruscamente.

En estas obras que constan de varias partes, en las que la fotografía y la pintura cuelgan una encima o al lado de la otra, se produce un efecto de espejo distorsionado: las líneas se invierten, los rastros de color se desplazan, las formas se disuelven – como un horizonte reflejado en una superficie de agua ondulada. Una relación similar surge en “Tres Mirando”, NY (2018), en la que miramos la parte posterior rizada de la cabeza de una persona en primer plano, mientras que detrás de ella vemos, desenfocado, un cuadro colgado en la pared. Un rostro mira hacia atrás desde el cuadro y se encuentra, nos imaginamos, con la mirada de la persona que está de pie frente a él. La cabeza en el cuadro y la persona que está delante de ella se enfrentan en la fotografía, creando un efecto que se asemeja a una mise en abyme en el que nosotros, como espectadores externos, nos posicionamos como otro reflejo, otra repetición y un eco.

En estas capas y repeticiones, el espacio se abre y se expande. Bajo la opacidad de las imágenes se esconden profundidades. En una serie de fotografías de Uslé, este efecto se visualiza a través de superficies translúcidas: tejidos, vidrios, vallas, persianas. “Covered”, NY (2018) muestra la fachada de un edificio envuelta por una red de seguridad semitransparente desde un ángulo lateral. El patrón geométrico de las ventanas, las delicadas líneas verticales de la red, la ambigüedad del aspecto velado del edificio crean una calidad táctil similar a la de sus pinturas. La relación que existe entre los dos medios se hace tangible, aunque esto no significa que uno sea una traducción del otro. Las fotografías -ya sea como momentos individuales o como un todo mutable- articulan idiosincrasias, cualidades de la superficie, cambios de luz, encuentros fortuitos entre formas, en resumen, los múltiples espacios que se despliegan ante el ojo de Uslé. En su pintura, las texturas y los colores aparecen destilados de estos momentos – como esencias más que como correspondencias directas – y así refuerzan su carácter irreal. Tomadas en conjunto, las obras invitan a un escrutinio cercano y a una reorientación. Ilustran la larga preocupación de Uslé por explorar su entorno inmediato a través de la lente de la cámara y el lenguaje pictórico abstracto que emerge en el diálogo con él.

Julianne Cordray

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